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Gebäudetypologie: Stadttor

Das Stadttor in der mittelalterlichen Stadtmauer

Die Stadttore im Mittelalter sind wesentliche Bauteile der Stadtmauer und oft eine wichtige Repräsentation für die Städte1.

Diese Tore befinden sich an den Stellen wo die Straßen aus den Stadtgebiet zur Landschaft übergehen. Sie signalisieren den Schnittpunkt von Verkehr und Stadtmauer2.  Jede Stadtmauer besaß mehrere Stadttore, die an allen wichtigen Verkehrsknoten der Stadt errichtet wurden3.  Das Tor ist der einzige Durchgang durch den alle Personen gehen müssen um ins Innere der Stadt zu gelangen. Deutlich zeigt das Stadttor den Übergang von Stadt zum Land und das Betreten eines Rechtsgebietes. (Abb. 1)

Bild [1]: Zeichnung und Beschriftung vom Stadttor
Bild [1]: Zeichnung und Beschriftung vom Stadttor


In mittelalterlichen Städten wurde diese exponierte Stelle der Stadtmauer als Emblem4 der Städte verwendet. Von weiter Entfernung erkennt man schon das Tor als sichtbares Merkmal der Stadt, auch als „Augen der Stadt“5 bezeichnet6.  Das von weit sichtbare Erscheinungsbild des Stadttors gibt den Menschen ein Zeichen bei Annäherung an eine Stadt. Das Betreten des Tores wurde auch als Eingang einer anderen Welt bezeichnet, weil jede Stadt über ihr eigenes Rechtsgebiet und Stadtsystem verfügt7.

Stadttore wurden oft mit Türmen unterstützt und erscheinen oft als eigenständige Gebäude mit unterschiedlichen großen Öffnungstoren. Diese besaßen eine Höhe zwischen 2,90 bis 3,60 m sowie eine Breite von 2,50 bis 3,30 m8. Auf den Tortürmen befindet sich oft eine mit Zinnen bekränzte Plattform, die zur Platzierung von Wurfmaschinen diente und daher meist ohne Dach konstruiert wurde9.  Die Konstruktion von Stadttürmen am Stadttor ist wichtig, um den Ein-und Ausgang zu kontrollieren, da das Tor die Schwachstelle der Stadtmauer ist10.  In kleinen süddeutschen Städte baute man im Spätmittelalter ein Obergeschoss aus Fachwerk (Abb. 1), was für die Wehrhaftigkeit problematisch ist11.  Im Regelfall ähnelte der Aufbau des Stadttores dem der anschließenden Stadtmauer, die meist aus Quadermauerwerk bestand12.

Am Tor wurde täglich vom städtischen Torwächter das Torgeld von allen hereinkommenden Gästen eingesammelt. Nach "Toresschluss" in der Nacht mussten alle Personen bis zum nächsten Sonnenaufgang warten, um wieder in die Stadt zu gelangen. Das Verlassen der Stadt erfolgte unter Kontrolle der Torwächter. Die Tore schlossen sich während des Tages nur im Falle von innerstädtischen Konflikten und die Stadtbewohner gelangten nicht mehr aus der Stadt hinaus13. (Abb. 1)

Bild [2]: Stadttor mit ausgestatteter BarbakaneSeit dem 13 Jh. gewannen die hochsteigenden Tortürme in vielen deutschen Städte an Bedeutsamkeit, vermutlich aus den Repräsentationsansprüchen der Städte heraus. Die allgemeinen Doppelturmtore wurden mit zwei halbrunden Türmen gebaut, die später durch vollrunde Türme ersetzt wurden. In Deutschland sind rechteckige Tortürme auch üblich, die an den beiden Seite der Tordurchfahrt Räume bilden.

Bild [2]: Stadttor mit ausgestatteter Barbakane [+]


Im 13./14. Jh. änderten sich auch die Höhen der Tordurchfahrten deutscher Stadttore, die bis zu 6 m Scheitelhöhe (höher als notwendig, ungefähr 3,50 m) herausragen. Zu dieser Zeit besaßen die Tortürme schwere Torflügel und Riegelbalken, die mit Fallgatter und Zugbrücke gesichert waren.14 Außerdem wurden Eckerker und Türmchen beigefügt, die nichts zur Wehrhaftigkeit beitragen und nur als reine Schmuckform verwendet wurden15. Teilweise wurde der Bereich unmittelbar vor den Stadttoren baulich umgeändert, die ab 1430 in eine Konstruktion einer Barbakane16 mündete17. (Abb. 2)

Ab dem 15 Jh. ändern sich Angriffstechniken, Verteidigung und somit auch das Bild des Stadttors. Es wurden mehrere Vortore sowie zahlreiche Gräben vor dem Stadttor gebaut, um das Umfeld abzusichern18. Im 16 Jh. wurden mehrere Stadttore für den Gebrauch von Artillerie in Festungstore mit Schießscharten umgebaut19.

Die Baukosten der Befestigungsanlagen waren im Mittelalter sehr hoch und so blieb die Innenseite des Stadttors viel anspruchsloser20.

Dort wo die Stadt sich stark ausdehnte, wurden Stadtmauern und Tore abgerissen, da sie die Ausdehnung und den Fortschritt verhindern. Die Stadttore, die heute noch erhalten sind, gehörten meist zu kleinen Städte ohne Erweiterungsbestrebungen, die wahrscheinlich zu wenig Geld hatten, die Tore abzutragen.21

Bild [3]: Das Untertor der Stadt Büdingen
Bild [3]: Das Untertor der Stadt Büdingen [+]


Das Untertor in Büdingen

Eines der wenigen erhaltenen Stadttore in der Region Hessen ( Mittelhessen ) befindet sich in Büdingen. Dieses mittelalterliche Stadttor wird als Untertor oder Jerusalemer Tor bezeichnet und dient als Eintritt in die historische Kleinstadt von Büdingen. Das Untertor wurde um 1503 mit einem Wassergraben und einer Zugbrücke vollendet. Das Material wurde aus roten Sandsteinen aus umliegenden Steinbrüche von Büdingen verbaut.22

Diese Doppelturmanlage ist ein wertvolles Beispiel für die Befestigungsanlagen nach der Einbindung der Schusswaffen.23

 

Literaturverzeichnis

Bad Münsterreifel: Größe der Stadttore. Online verfügbar unter http://www.bad-muenstereifel.de/seiten/buergerservice/dokumente/GroessederStadttore.pdf. (Stand: 30/09/15)

Boockmann, Hartmut (1986): Die Stadt im späten Mittelalter. München: C.H. Beck.

Duden(2011): Online verfügbar unter http://www.duden.de/suchen/dudenonline/Barbakane (Stand: 30/09/15)

Jütte, Daniel (2015): Stadttore als Schwellenorte im vormodernen Europa. Online verfügbar unter http://www.nzz.ch/feuilleton/die-augen-der-stadt-1.18491900.

Meckseper, Cord (2011): Kleine Kunstgeschichte der deutschen Stadt im Mittelalter. Sonderausg., 3., unveränd. Aufl., Nachdr. des Textes der 2. Aufl. Darmstadt: Wiss. Buchges.

Reinle, Adolf (1984): Zeichensprache der Architektur. Symbol, Darst. u. Brauch in d. Baukunst d. Mittelalters u.d. Neuzeit. 2. Aufl. Zürich, München: Verlag für Architektur Artemis.

Schröteler-Von Brandt, Hildegard (2014): Stadtbau- und Stadtplanungsgeschichte. Eine Einführung. 2. Aufl. 2014. Wiesbaden: Springer Vieweg.

Untermann, Matthias (2009): Handbuch der mittelalterlichen Architektur. Darmstadt: Wiss. Buchges.

Wanderatlas (Hg.): Jerusalemer Tor (Büdingen). Online verfügbar unter http://www.ich-geh-wandern.de/jerusalemer-tor-b%C3%BCdingen. (Stand: 30/09/15)

Wikia (Hg.): Jerusalemer Tor. Online verfügbar unter https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Untertor_%28B%C3%BCdingen%29&oldid=144672200 (Stand: 30/09/15)

 


Anmerkungen und Abbildungsverzeichnis

1 Meckseper 2011, S. 90
2 Boockmann 1986, S. 34–35
3 Schröteler-Von Brandt 2014
4 Synonym für Zeichen / Sinnbild / Wappenmerkmal
5 Jütte 2015 , Bezeichnung nach Shakespeare, Internetseite
6 Meckseper 2011, S. 90–91
7 Reinle 1984, S. 255
8 Bad Münsterreifel, Internetseite
9 Meckseper 2011, S. 96–97
10 Jütte 2015, Internetseite
11 Untermann 2009, S. 194–195

12 Meckseper 2011, S. 101-102

13 Boockmann 1986, S. 34-35
14 Untermann 2009, S. 194–195
15 Meckseper 2011, S. 100-103
16 Duden, Bei mittelalterlichen Befestigungswerken ein dem Festungstor vorgelagertes Außenwerk, Internetseite
17 Untermann 2009, S. 194–195
18 Meckseper 2011, S. 96–97,101-103
19 Untermann 2009, S. 194–195
20 Boockmann 1986, S. 34–35
21 Boockmann 1986, S. 11

22 Wikia, Internetseite

23 Wanderatlas, Internetseite

Bild [1]: Zeichnung und Beschriftung: Da Silva, Patrick (2015) in Anlehnung an: Bild, URL: https://commons.wikimedia.org/w/index.php?title=File:Ehrentor-K%C3%B6ln-um-1665-Litho-Justus-Finkenbaum.jpg&oldid=120049567
Bild [2]: Steinlein, Gustav (1910), Das Neuhauser Tor, in: Die Baukunst Alt-Münchens. URL: https://commons.wikimedia.org/w/index.php?title=File:Steinlein_24.jpg&oldid=71694895
Bild [3]: Jost, Jens (2014), Fotografie vom Untertor/Jerusalemer Tor in Büdingen

 

Zitiervorschlag:
Silva, Patrick Da (2015): „Das Stadttor in der Mittelaltermauer“; urbs-mediaevalis.de/Studienportal/Gebäudetypologie; URL: http://www.urbs-mediaevalis.de/pages/studienportal/gebaeudetypologie/wehrbauten/stadttor.php

Autorengruppe: Studentinnen und Studentenletzte Aktualisierung dieser Seite: 20. November 2015
Autorin(nen) oder Autor(en)
: Patrick Da Silva PDF

 

 

 

 

 

 

 

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